Meine Oma war anders

Wir lebten in einem Familienverband mit bis zu vier Generationen, da war es kein Wunder, dass meine Oma sehr präsent war. Sie war meistens eine sehr liebevolle und liebesbedürftige Frau, zumindest wenn sie ihre Medikamente nahm bzw. der Botenstoff der wohl für ihre Gemütsverfassung zuständig war noch im Normbereich lag. Wenn sie merkte, dass ihre Medikamente sie zu sehr einschränkten, sie sich ganz verlor, sie in ihren Empfindungen zu sehr herabgesetzt wurde, ließ sie sie auch weg bis es wieder knallte. Bis wieder zu viel Dopamin in ihrem Gehirn arbeitete. Dann entstanden Situationen die für sie und uns gefährlich waren, dann kam wieder die Polizeiärztin bzw. der Polizeiarzt und das ganze Aufgebot, aber darüber spricht man nicht, das war unser Familiengeheimnis.

Oma war dann wieder ein paar Wochen nur im Krankenhaus zu besuchen, entlassen wurde sie in ihrer Gefühlswelt stark beschnitten und teilweise apathisch. Sie war eine wunderbare Köchin, sie war lebenslustig, sie war unternehmungslustig, sie war eine Kämpferin, sie liebte mich und ich war ihr „Golderle“. Ich war damals ein Kind und mit der Situation überfordert.

Heute bin ich 42 und ich würde mit ihr gern ein Gespräch führen um ihr mitzuteilen, dass ich sie liebe, es ihr leider nicht so zeigen konnte wie sie es gebraucht hätte, um zu erfahren was ihr geholfen hätte, was wir für sie tun hätten können, wie wir sie unterstützen hätten können. Es war für sie sicher nicht einfach und es war auch für uns schwer. Gern hätte ich eine Person an meiner bzw. unserer Seite gehabt, mit der ich über die Situation sprechen hätte können, die uns als Familie beigestanden wäre um den Blick mehr auf das Positive zu richten als das Negative, die uns beigebracht hätte wie wir mit Oma und ihrer Erkrankung umgehen hätten können.

Rückblickend waren auch lustige Situationen dabei, so bedankte sich meine Oma bei mir für das wunderschöne Lied, dass ich für sie im Radio gesungen habe. Wie kann Mann bzw. Frau einem 6 jährigen Kind beibringen, dass Oma Dinge wahrnimmt, die nicht geschehen sind und es nicht widerspricht, weil Oma auf Widerspruch anders reagiert wie andere? 

Damals gab es keine Anlaufstelle für Angehörige von psychisch Erkrankten, jetzt gibt es in der Steiermark HPE.  Damals gab es ein darüber spricht Mann/Frau nicht Gebot. Das Gefühl, dass es nicht sein darf wie es ist, dass die Situation kaschiert werden muss, dass der Anschein gewahrt bleiben soll… Allein beim Schreiben wird mir bewusst welche Anstrengung uns das gekostet hat.

Nicht alleine durch die Situation mit meiner Oma kam ich schon früh in Kontakt mit Krankenhäusern. Die Begegnungen waren durchwachsen und ich wollte etwas verändern, weshalb ich die Allgemeine Krankenpflegeschule besuchte um diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester zu werden. Als meine Oma starb war ich gerade im letzten Jahr und begleitete sie gemeinsam mit meiner Mama während sie ihre letzten Atemzüge tat. Da meine Oma ein akutes Nierenversagen hatte lag sie im Krankenhaus und obwohl meine Oma im Sterben lag, war in der Nacht lautstarkes Gelächter aus dem Schwesternzimmer hörbar. Ich selbst lache viel und gern aber damals fand ich es unpassend, denn immerhin wusste das Personal, dass gerade jemand stirbt.

Dieses Erlebnis prägte mich für meinen Beruf und spielte wohl in der Kommunikation mit den Patienten eine wichtige Rolle. Ich scherze gerne, bring Leichtigkeit und Lockerheit in angespannte Situationen und denke zu wissen wann Ernsthaftigkeit benötigt wird. Mir ist bewusst, dass durch Kommunikation jemand motiviert oder desillusioniert werden kann. Worte können wie Messer verletzen, die Wunden sind nur nicht sichtbar.

Irgendwann wollte ich noch mehr, also begann ich mit der Ausbildung zur Lebens- und Sozialberaterin. Ganz bewusst entschied ich mich für diesen Weg und nicht für die Ausbildung zur Psychotherapeutin, denn ich wollte präventiv arbeiten. Den Menschen die Möglichkeit bieten ihre Situation selbst zu verändern und damit selbstwirksam zu sein. Erst durch meine Masterthesis kam ich auf die Idee meine beiden Berufe miteinander zu verbinden.

Ich konzipierte einen Workshop für pflegende Angehörige und einen für Menschen, die beruflich pflegen und erweiterte mein Angebot um die Beratung von Angehörigen. Ich leistete einen ehrenamtlichen Besuchsdienst auf der Gerontopsychiatrie und lernte Menschen kennen, die eine psychische Diagnose gestellt bekommen haben und wie sie damit umgingen.  Immer wieder begegneten mir Angehörigen von psychisch Erkrankten, die sich eine Veränderung wünschten und die bereit waren etwas für diese zu tun. Im September habe ich mit der Ausbildung zur ehrenamtlichen Sozialbegleiterin bei pro humanis begonnen.

Für viele Angehörige sind die Erkrankung und die Folgen daraus mit Scham behaftet. Nach wie vor vertreten manche die Meinung, dass darüber nicht gesprochen werden soll. Hin und wieder entsteht das Gefühl, dass so eine Erkrankung nur die eigene Familie betrifft und einige fühlen sich hilflos und überfordert.  Oft kann die Situation von Erkrankten nicht nachempfunden werden, dies wiederum erschwert das Miteinander.

Weil ich selbst Betroffene war und damals gerne eine Unterstützung erhalten hätte biete ich diese Hilfestellung jetzt an. Denn darüber zu sprechen, nimmt den Druck, entlastet und schafft neue Perspektiven.  In unserer Gemeinschaftspraxis,  Rößmann & Etzelstorfer, berate ich betroffene Angehörige um mit ihnen gemeinsam eine positive Veränderung ihrer Situationen zu bewirken.

Herzlichst 

Marion Rößmann

www.veraenderung-begleiten.at

2 Gedanken zu „Meine Oma war anders“

  1. Sehr schöne aber auch sehr berührende Geschichte!
    Auch wie Ihr beruflicher u persönlicher Werdegang beeinflusst wurde, sehr spannend, das zeigt, daß die Liebe und Verbindung sehr stark war und noch immer ist.
    Alles Gute weiterhin

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