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Interview mit der Autorin des Buches “Missbrauch”

Hinweis – Triggerwarnung! In diesem Interview wird das Thema s* Missbrauch in der Kindheit sehr offen besprochen. Bevor du weiterliest, entscheide bitte selbst, ob du dich von dem Interview getriggert fühlen könntest.

Jeannette Schwab führt seit Jahren ihren eigenen Bio-Friseursalon. Doch das ist nicht alles. Ihr Angebot im Bereich „Seelenheil“ reicht von Klangwiege über Bachblüten bis zur Frauenheilmassage. Nach zahlreichen Ausbildungen auf dem Weg zur Selbstheilung stellte sich Jeannette ihrer Kindheitsgeschichte. Mehrere sexuelle Übergriffe eines jungen Mannes brachte sie fünfundzwanzig Jahre später zur Anzeige. Es kam zur Verurteilung durch ein Gericht und für Jeannette war es der Abschluss eines langen Weges. Um anderen Frauen zu helfen schrieb sie das Buch „Missbrauch“. In diesem teilt sie ihre eigenen Erfahrungen und bietet viele wertvolle Tipps zur Selbsthilfe. Die Erlöse des Buchs kommen dem Verein NaturForm zugute. Dieser setzt sich für die Vermittlung von Straßenhunden in Griechenland ein und wurde von Jeannette gegründet.

Jeannette und ich kennen uns flüchtig von früher. Ich fühle mich geehrt, dieses Interview mit ihr führen zu dürfen. Umso mehr ich betreffend Missbrauch recherchiert habe, umso ergreifender wurde dieses Thema für mich. Unsere Kinder, obgleich Mädchen oder Jungen gehören beschützt. Aber wir Eltern können nicht überall sein und sollen auch nicht in ständiger Angst leben. Angst ist niemals ein guter Begleiter im Leben. Dieses Interview ist etwas Besonderes, denn wie ihr schnell erkennen werdet, ist es mehr ein Gespräch zwischen Frauen, als eine Antwort-Frage-Stunde. Die Chemie zwischen uns hat sofort gestimmt und ich denke, dass dies öfter der Fall sein könnte, wenn wir Frauen ohne Vorurteile in ein Gespräch gehen und uns darauf einlassen. Es war mir eine Freude und ich danke der optimistisch gestimmten Jeannette für diese wunderbare Unterhaltung.

Selbstheilung- und Persönlichkeitsentwicklung

Jacky: Liebe Jeannette, es freut mich besonders, dass du dir die Zeit für unsere Unterhaltung nimmst. Als ich hörte, dass du ein Buch zu dem Thema Missbrauch geschrieben hast, war es mir wichtig, ein Interview mit dir zu führen. Die Geschichten unserer Kampagne „Von Frau zu Frau, Lebensgschichtn und Alltägliches“, soll Frauen motivieren, inspirieren oder einfach nur berühren. Seine eigene Geschichte offenzulegen zeugt von großem Mut und ich denke, dass du sehr stolz darauf sein kannst. Ella und ich haben dein Buch gelesen und sind berührt, aber auch fasziniert von deinem erfahrungsreichen Weg der letzten Jahre. Ich selbst kann mich sehr gut mit deinen Tipps identifizieren, da ich einiges davon auf meinem persönlichen Lebensweg ausprobiert habe. Es gibt so viele wunderbare Möglichkeiten der Selbstheilung und Persönlichkeitsentwicklung. Zu denken, nur eine davon wäre die Richtige, finde ich falsch. Du hast im Buch versucht, einen Einblick in die verschiedenen Möglichkeiten zur Selbsthilfe zu geben. Welche war für dich die Ausschlaggebendste? Liege ich richtig, wenn ich sage, dass dies die Ausbildung zum Lebens- und Sozialberater war?

Jeannette: Ich glaube alles zusammen. Aber wie du sagst, der Lebens- und Sozialberater. Da er über drei, vier Jahre gedauert hat. Dadurch geht man sehr in die Tiefe. Ich muss gestehen, in dem Moment war mir das nicht so bewusst, was da eigentlich passiert im Unterbewusstsein. Ich glaube, dass diese Ausbildung schlussendlich auch das war, wo ich gesagt habe, Jahre später taucht dieses Thema Missbrauch auf, und nun geh ich es an. Man macht so viele unterschiedliche Übungen, die Peer Groups und die ganzen Gespräche bringen einen mit anderen Menschen in Kontakt und so auch mit sich selbst. Der Austausch mit anderen hat sehr viel gebracht.

Jacky: War es dort das erste Mal, dass du von deinem Missbrauch erzählt hast? So direkt vor mehreren Menschen in einer Gruppe, wo man auch die Reaktionen der anderen bemerkt?

Jeannette: Ich habe im Buch die Übung „Jag den Löwen los“ beschrieben. Das ist eine Übung, wo man am Boden festgehalten wird. Da halten dich drei oder vier Leute fest, damit du nicht aufstehen kannst und du musst die ganzen Kräfte in dir sammeln, dass du es schaffst aufzustehen. Dieses Festhalten, dieses am Boden runterdrücken und berühren hat mich sehr stark getriggert. Ich glaube, dass es dort bewusst, aber auch unbewusst zu dem Knackpunkt kam, an dem ich gemerkt habe, das nimmt mich noch immer ganz schön mit.

Statistik Übergriffe

Jacky: Laut Statistik (Österreichische Prävalenzstudie- Im Link angefügt*) haben 27,7% der Frauen und 12% der Männer in ihrer Kindheit sexuelle Übergriffe erfahren. Der Großteil der Missbrauchsdelikte an Unmündigen findet im eigenen Familien- und Bekanntenkreis statt. Was würdest du Eltern raten? Auf was sollten sie achten?

Jeannette: Das ist sehr schwierig. Erstens bin ich selbst keine Mutter. Zweitens muss man da auch sehr vorsichtig sein, dass man keine Helikoptermutter wird und hinter jedem Buschen einen Täter vermutet. Ich hatte erst letztens ein tolles Gespräch mit einer Kundin. Ihre Tochter ist Therapeutin und meinte, sie wird als erstes den Namen der Geschlechtsteile mit ihren Kindern durchgehen. Sie hat vor, auf kindlich verständliche Weise ihren Kindern beizubringen die Intimzonen benennen zu können und auch zu vermitteln, dass dort niemand anders sie berühren darf. Diesen Ansatz habe ich gar nicht so schlecht gefunden.

Schuldgefühle

Jacky: Das Mitteilen ist eigentlich das Einzige, dass uns Eltern beruhigen kann. Das hast du in deinem Buch berührend beschrieben. Das Gefühl deiner Mutter, als sie bemerkte, du willst ihr etwas mitteilen. Sie fühlte, dass irgendetwas anders war an deiner Stimme und ihr wurde klar, dass es sich um etwas Ernstes handelt, dass du nun erzählen willst.

Deine Mutter hatte sehr große Schuldgefühle. Du hast sie ein paar Worte in dem Buch sprechen lassen. Leider hatte sie nicht die Unterstützung, die eine alleinerziehende Mutter zu dieser Zeit wohl gebraucht hätte. Hast du jemals deiner Mutter die Schuld dafür gegeben? Wie geht es deiner Mutter heute?

Jeannette: Ich glaube die Schuldgefühle wird sie als Mutter nie los. Auch heute nicht. Sie sagt so oft im Gespräch wie leid ihr das alles tut. Für mich selbst ist das abgehakt. Ich denke mir, sie hatte nach fünfundzwanzig Jahren die Chance, vor Gericht auszusagen. Das hat in unserer Mutter-Tochter-Beziehung für mich ganz viel Heilung erbracht. Weil sie nach dieser langen Zeit nochmal die Chance hatte, sich für mich einzusetzen und das auch tat. Das war es, was ich mir damals gewünscht hätte. Aber es war damals eine ganz schwierige Situation für sie. Ich nehme sie da klar in Schutz. Ich verurteile sie nicht. Für mich wäre einfach wichtiger gewesen, dass sich jemand für mich einsetzt. Mit dem habe ich am meisten gehadert. Gar nicht so mit dem Missbrauch an sich, sondern dass eine erwachsene Person da ist, mir glaubt und sich für mich einsetzt.

Gerichtsverhandlung

Jacky: Deine Mutter hat es versucht. Sie hat Menschen aufgesucht und um Rat gebeten. Aber auch sie hat nicht die Unterstützung erhalten, die sie benötigt hätte. Da war glaube ich eine befreundete Psychologin, die da nicht hilfreich agiert hat. Ich hoffe für deine Mutter, dass sie sich selbst eines Tages verzeihen kann. Wie du sagtest, die Aufarbeitung durch die Gerichtsverhandlung hat sie bestimmt auch einen Schritt weit in die Richtung verzeihen gebracht. Bei der Gerichtsverhandlung hast du einiges über dich ergehen lassen müssen. Sehr schockiert hat mich die Falschaussage einer Freundin der Nachbarin und Tagesmutter. Da musst du innerlich gekocht haben, oder?

Jeannette: Ich war so emotional berührt. Weil ich einfach nicht verstehen konnte, wie man als Frau, so ein großes Frauenthema derartig behandeln kann. Diese Frau hat mich von der Schule abgeholt und unterstellt mir Jahre später, dass der Missbrauch nie passiert sei.

Laut ihr würde ich lügen. Ich war so schockiert.

Jacky: Es ist ein sensibles Thema. Viele Menschen sind voreingenommen, was spätere Anzeigen betrifft. Immer wieder hört man Stimmen die meinen, wieso man Jahre später etwas zur Anzeige bringt. Warum hat sie es denn nicht gleich angezeigt? Solch eine Kritik von Frauen zu hören, schockiert auch mich nach wie vor am meisten. Ich denke hier muss man einsehen, dass es oftmals einen langen Entwicklungsprozess braucht, um sich dem stellen zu können, was einem passiert ist. Die Stärke, die man benötigt um mit der Kritik und den Anfeindungen, die eine solche Anzeige mit sich bringt, auszuhalten. Alleinerziehende Mütter, die solche Dinge erlebt haben, haben teilweise nicht einmal die Zeit sich so intensiv mit sich selbst auseinanderzusetzen. Man muss sagen, du hattest die Möglichkeit des Reisens, Zeit für deine Ausbildungen und deine Persönlichkeitsentwicklung. Manche haben das gar nicht oder können es sich nicht leisten, diese Gefühle zuzulassen. Weil sie für die Familie funktionieren wollen oder müssen.

Jeannette: Das stimmt absolut. Das habe ich mir oft gedacht. Dass ich mir das finanziell leisten konnte. Ganz ehrlich, die ganzen Ausbildungen und das Reisen hat ja ein Heidengeld gekostet. Ich habe jeden Cent in Ausbildungen und Reisen investiert, wo sich jemand anderer vielleicht Mode leistet. Aber wie du sagst, das ist finanziell oder zeitlich nicht für jeden möglich. Für das bin ich einfach dankbar. Dass es mir möglich war.

Jacky: Was man an dem Punkt sagen kann, dass man sich ruhig selbst loben darf. Du hast gearbeitet für dein Geld und hast es in dein persönliches Fortkommen investiert. Gut investiert in dich selbst. Und das ist zum Großteil deiner eigenen Leistung zuzuschreiben.

Jeannette: Danke, dass du mich erinnerst.

Totschweigen

Jacky: Gerne. Du hast im Buch beschrieben, dass deine Großeltern so getan hätten, als wäre nichts passiert. Es herrschte Stillschweigen über die zahlreichen Übergriffe. Ich persönlich denke, da spielt die Generation mit. Unsere Omas gehören teilweise noch zu der Generation, die nicht über solche Dinge gesprochen hat. Natürlich hat das viel mit Selbstschutz zu tun. In Zeiten, wo eine Frau abhängig war, und vieles dulden musste, ging es für manche nicht anders, als zu schweigen. Wir steuern immer mehr in die Richtung der Offenheit. Missbrauch, sexuelle Gewalt oder sexuelle Belästigung wird nicht mehr in dem Maße als Tabuthema behandelt wie zu der Zeit, in der unsere Großeltern aufgewachsen sind. Wir sind noch nicht da, wo wir ankommen sollten, aber auch nicht mehr da, wo unsere Mütter und Omas waren. Obgleich ich eine Ausbildung habe oder nicht, ich persönlich denke, das Schlimmste ist wohl schweigen. Was empfiehlst du Familienangehörigen von Betroffenen? Was hast du dir als Betroffene gewünscht? Wie kann ich helfen, wenn ich ein Familienangehöriger bin?

Jeannette: Ich merke in meiner eigenen Familie, dass sie selbst nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Das Verhalten meiner Oma ist mir sehr nahe gegangen. Sie hat weder etwas über das Buch gefragt, noch hat sie irgendetwas gesagt dazu. Sie hat einfach so getan, wie wenn es das alles nicht geben würde und als wäre der Missbrauch nie vorgefallen. Ich habe aber auch nichts zu ihr gesagt. Im Nachhinein betrachtet, hätte ich zu ihr sagen sollen: „Du Oma, es kränkt mich, dass du dich nicht dafür interessierst. Wie geht es dir eigentlich mit dem Thema?“ Zuerst wird man ein wenig grantig, aber dann denkt man sich, jeder hat seine eigene Art, mit dem Thema umzugehen. Man merkt einfach, dass sich in Wirklichkeit keiner was sagen getraut und es bleibt die Frage, was soll man sagen.

Oftmals reicht schon ein Satz wie zum Beispiel: „Es tut mir leid, dass dir das passiert ist.” Oder: „Es tut mir leid, dass ich damals nicht anders reagieren konnte.“ Meine Mutter hat damals keine Unterstützung von den Großeltern erhalten. Meine Mutter war komplett auf sich allein gestellt, mit der Situation. Zwei Kinder von zwei Männern, und einer davon im Gefängnis. Dass meine Oma damals nicht eingeschritten ist und gesagt hat, du Anita, wir müssen da etwas machen, wir zeigen den an. So oder so. In Wirklichkeit haben sie gar nichts gemacht. Das verurteile ich nicht, aber es hat ganz lange gedauert, dass ich das heute so sagen kann wie ich es sage. Und es auch wirklich so meine. Es hat sehr wohl Momente gegeben, in denen ich fuchsteufelswild war. Aber ich denke mir, wie du sagtest, aus ihrer eigenen Geschichte heraus, war es für sie in dem Moment nicht anders möglich. Und ist es auch heute nicht.

Generationsunterschiede

Jacky: Ja, mit diesem Weltbild, dass sie mit sich tragen, war und ist es ihnen anscheinend nicht möglich. Wenn mich etwas aufregt oder verletzt, denke ich mir, der Mensch hat ein ganz anderes Weltbild und kann nicht über seinen Schatten springen. Also muss ich vielleicht über meinen Schatten springen. Insofern es mir wichtig ist. Gerade die Frauen der Generation aus der Nachkriegszeit können vielleicht mit diesen Themen nichts anfangen. Wenn du ihnen vergeben hast und sagst du akzeptierst es, dass deine Großmutter nicht anders konnte, dann ist das bestimmt die beste Lösung. Dieser Gedanke, sie hat mich lieb, aber sie kann nicht anders, beschützt vor Groll und Wut, den der Mensch nicht verdient hat und der einem selbst nur schaden würde.

Jeannette: Ja genau. Mit dem kann ich leben. Es kann jeder in seiner Entwicklung entsprechend reagieren und auch agieren. Das ist bei jedem Menschen unterschiedlich. Und an seiner Entwicklung kann jeder Mensch nur selbst arbeiten. Ich würde vielleicht auch Dinge in drei Jahren anders machen als ich sie heute mache. Weil ich vielleicht andere Erfahrungen gemacht habe, andere Leute kennengelernt habe, meinen Horizont erweitert habe oder wie auch immer. Ich denke, alles ist für etwas gut. Gewisse Dinge sind wie sie sind und das Beste ist, das anzunehmen und mit dem Strom mitzuschwimmen. Denn alles andere, auf das wir keinen Einfluss haben, wird mit der Zeit anstrengend für einen selbst. Dass ich das so sehen kann, war ein sehr langer Prozess.

Eine neue Generation

Jacky: In der Theorie weiß man, was richtig wäre und helfen würde. Wir sind jedoch emotionale Wesen und nicht immer gelingt es, zu vergeben, wenn man verletzt ist. Ich glaube, es ist nicht schlimm, wenn man hier und da das Gefühl hat, etwas nervt einen oder ist nicht nachvollziehbar. Am Ende kommt immer das Richtige heraus, überhaupt wenn man so selbstreflektiert ist wie du es bist. Dann kann man stolz auf sich sein. Wir sind eine Generation, für die Weiterentwicklung sehr wichtig ist. Eine Generation, die sich selbst mehr spürt und sich mit schwierigen Situationen auseinandersetzt, anstatt sie zu ignorieren. Du bist ein gutes Beispiel für Weiterentwicklung und Fortschritt. Du hast da schon richtig viel hinter dir.

Jeannette: Ja das stimmt. Danke dir.

Der Partner, der unterstützt

Jacky: Im Buch kommt dein Partner Gerhard mehrmals vor. Spannend finde ich, dass du bereits einiges versucht hattest, aber erst mit dem Rückhalt von Gerhard, war dann absolut sicher, dass du den Missbrauch, der vor fünfundzwanzig Jahren passierte, zur Anzeige bringen wirst. Meinst du, dass mehr Frauen den Mut aufbringen würden, wenn sie sich ihrem Partner öffnen und dieser sie unterstützt?

Jeannette: Als das alles begann, war ich mit Gerhard ca. zwei oder drei Jahre zusammen. Es ging mir gut, ich hatte alle Ausbildungen abgeschlossen und ich fühlte mich sehr wohl in der Beziehung. Ich glaube, gerade weil ich mich in der Beziehung so wohl und sicher fühlte, kam dann alles ins Laufen. Ich erinnere mich noch an den Gedanken, dass dieser Mann alles aushalten wird. Da war noch etwas, dass ich zeigen wollte. Ich wäre selbst nicht mehr auf die Idee gekommen, das anzugehen. Gerhard war der Antrieb dafür.

Jacky: Jetzt weißt du, wie gut dir das getan hat, dieser letzte Schritt des Kapitels. Dass er verurteilt und zur Rechenschaft gezogen wurde, für das, was er vor fünfundzwanzig Jahren begangen hat. Wirklich wunderbar, dass Gerhard dich so unterstützt hat.

Schubladendenken

Jacky: Es war dir lange Zeit unmöglich deine Geschichte ans Tageslicht zu bringen. Ein Grund dafür, war unter anderem, dass du nicht in eine Schublade gesteckt werden wolltest. Die Opferschublade. Für mich persönlich ist der Ausdruck Opfer eine Stigmatisierung. Daher verwende ich das Wort Betroffene. Eine Opferrolle aufgezwängt zu bekommen, kann eine große Bürde sein. Meiner Meinung nach ist man Opfer in Bezug auf das Delikt, aber nicht Opfer im Leben. Der Begriff ist ein sehr mächtiges Wort. Wie siehst du das? Welchen Rat kannst du anderen Frauen geben, wenn es darum geht sich selbst nicht oder nicht mehr als Opfer zu sehen?

Jeannette: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Ob man sich selbst als Opfer sieht, kann  jeder Mensch nur für sich entscheiden. Sehe ich mich als Opfer, oder sehe ich mich als Betroffene. Der gefällt mir gut, der Ausdruck. Es heißt immer das Opfer, vom Anwalt angefangen bis zur Gerichtsverhandlung, hört man es zirka an die Hundert mal. Die Frage ist viel mehr wie sehe ich mich. Und ich sehe mich absolut nicht als Opfer. In dem Fall sehe ich mich eher noch als Gewinnerin, denn ich habe ganz viel für meine Persönlichkeit aus der ganzen Geschichte gewonnen. Ich habe sehr viel über mich selbst und für mich selbst gelernt und auch wie man mit so einem Thema umgeht. Wie gesagt, der erste Schritt fängt im Kopf an. Bewusst aus der Opferrolle auszusteigen ist das Wichtigste. Man muss bei sich selbst beginnen, es hilft nichts.

Verzeihen

Jacky: Was man über sich selbst denkt, strahlt man aus. Genauso wird man wahrgenommen. Du hast absolut recht. Kommen wir zu meiner nächsten Frage. Groll und Hass kann einen Menschen zerstören, daher wird bei der Verarbeitung von seelischen Verletzungen geraten zu verzeihen. Manchen Frauen ist das unmöglich. Hast du dem Täter verziehen und hättest du Ratschläge für Betroffene?

Jeannette: Das ist ein sehr großes Thema, an dem ich lange Zeit gearbeitet habe. Ich habe Bücher gelesen und Rituale rausgesucht, so Art Vergebungsrituale. Aber das ist etwas, das gelingt nicht von heute auf morgen. Der Kopf hat mir gesagt, Jeannette, du musst verzeihen, gelesen habe ich es auch oft genug. Es geht darum, das zu verinnerlichen und zu leben. Und dafür braucht jeder seine Zeit, der eine mehr, der andere weniger. Ich habe mir immer die Frage gestellt, was muss ihm passiert sein, dass er so etwas getan hat. Das ist kein normales Verhalten eines 14-jährigen Burschen. Was ist ihm widerfahren, dass er so geworden ist. Dieser neutrale Zugang hat mir sehr geholfen. Ich glaube, dass ein Großteil der Täter, selbst Opfer waren. Das soll nichts entschuldigen. Aber dieser Zugang hat mir sehr geholfen.

Familienaufstellung

Jacky: Neben anderen wertvollen Tipps wie z.B. Klangtherapien erwähnst du auch das Thema Familienaufstellungen. Ich selbst habe vor Jahren Familienaufstellungen bei Andreas Berghofer besucht. Nach ein paar Mal zusehen und wirken lassen habe ich meine eigene Familienkonstellation aufstellen lassen. Es war eine ergreifende Erfahrung. Das Warum und Wieso konnte ich mir selbst nie genau erklären, aber ich konnte mit Hilfe der Familienaufstellung einige verworrene alte Lasten lösen. Heute kann ich sie nur empfehlen. War die Erfahrung bei dir ebenso prägend wie bei mir?

Jeannette: Ich kann dir gar nicht sagen, wie viel Aufstellungen ich gemacht habe. Ich schätze, es waren um die zehn Aufstellungen. Angefangen hat es mit der Herkunftsfamilie, das war ja schon mal ziemlich kompliziert alles. Ich habe damals kurz vor der Verhandlung den Missbrauch aufgestellt, weil ich das Gefühl hatte, es ist wichtig. Für mich als Frau und für meine Liebesbeziehung mit Gerhard. Dass der letzte Schatten beiseite zieht und ich frei davon bin. Ich kann es nur empfehlen. Auch für den Prozess des Verzeihens. Durch eine Aufstellung hat man einen anderen Zugang zu der Person, die man als Person aufstellt. Man bekommt einen anderen Blickwinkel, und das hilft.

Das Buch erscheint

Jacky: Wie war dein Gefühl, als dein Buch erschienen ist? Warst du nervös? Jeder hat nun Zugang zu deiner persönlichen Geschichte. Natürlich war das dein Ziel, um damit anderen zu helfen. Aber was ging in dieser Zeit in dir vor?

Jeannette: Ich kann dir eines sagen. Ich habe mich gefühlt wie ein nackter Mensch. Alle können das nun lesen und zwischendurch kam mir der Gedanke, ob es wohl kein Fehler war. Auf der anderen Seite hatte ich die dauernden Fragen im Kopf. Wie zum Beispiel: „Jeannette, machst du schon wieder eine Ausbildung?“, „Was machst du jetzt für eine Ausbildung?“  „Du bist ja nur auf Seminar.“ Ich habe mich immer gefühlt, als müsse ich mich rechtfertigen für das, dass ich mich für viele verschiedene Dinge interessiere. Und da habe ich mir oft gedacht, wenn du wüsstest, was ich schon alles erlebt habe, dann würdest du so blöde Fragen gar nicht erst stellen. Und diesen Leuten hätte ich gerne gleich als Erstes ein Buch geschenkt. Dann kamen wiederum Gedanken wie, dass Kunden, mit denen ich noch per Sie bin, das Buch lesen. Wer weiß, was die dann denken, wenn sie mich das nächste Mal sehen. Jetzt muss ich mir Gedanken machen, dass so viele Menschen bescheid wissen. So ging das hin und her.

Am Ende kam ich aber zu dem Entschluss, dass durch das Buch den Leuten bewusst wird, dass Betroffene eines Missbrauchs sich nicht verstecken. Sondern dass sie wachsen können an der Erfahrung und nach Außen treten. Dass man nicht als Hascherl fix und fertig dasteht, sondern eine starke resolute Frau ist. Nicht immer ist mir das gelungen. Aber ich habe mich selbst immer wieder aufgerafft an mir zu arbeiten und voranzukommen in meiner Entwicklung. Vielleicht liest eine Frau mein Buch und denkt sich, auch wenn mir das passiert ist, gebe ich mich nicht auf. Ich habe von so vielen Menschen das Feedback bekommen, dass sie niemals gedacht hätten, dass mir so etwas passiert ist. Da habe ich mir gedacht, interessant, mit was für Vorurteilen die Menschen anderen begegnen. Dieses Schubladendenken, nach dem viele Menschen handeln ist wirklich erschreckend. Ich hoffe, dass mein Buch auch damit ein wenig aufräumen kann. Nun verstehen die Menschen, warum ich all die Ausbildungen absolviert habe und warum es mir so wichtig ist, anderen zu helfen.

Weitere Ziele

Jacky: Schubladendenken ist wohl eine Eigenschaft, die jeder versuchen sollte, abzulegen. Du wirkst nun, als wärst du angekommen. In der Liebe, im Beruf und bei dir selbst. Gibt es Ziele, die du noch erreichen möchtest?

Jeannette: Das Gefühl breitet sich glaube ich erst aus. Das Buch war schon eine sehr große Aufregung. Die vielen Feedbacks der Leute und die Emotionen dabei. Da ist immer etwas los, emotional gesehen. Die Reaktionen, vor denen ich eigentlich Angst hatte, sind so positiv. Ich freue ich über das, was die Leute mir mitteilen. Es ist wunderschön, weil ich dadurch den Menschen wieder näherkomme. Ich war zwischendurch sehr abgekapselt nur mit meinen Tieren. Weil ich eben von vielen Menschen enttäuscht wurde in meinem Leben. Aber das Buch schafft Nähe und das ist ein schöner Prozess für mich.

Es verursacht derzeit ein wenig Stress, dass ich kein Projekt habe. Natürlich haben wir unseren Verein, die Arbeit und so, aber eben kein bestimmtes Projekt. Ich hatte vor kurzem ein schönes Gespräch mit Gerhard. Er meinte: „Schatz, was wäre, wenn du jetzt einfach mal das Leben genießt? Lass es dir gut gehen, genieß das alles einmal, genieß jeden Tag.“ Bei mir habe ich gedacht, ja, er hat recht. Einfach einmal genießen und mich treiben lassen. Schauen was passiert.

Projekte

Jacky: In gewissen Dingen sind wir uns ähnlich. Beide sind wir Projektmenschen. Wir lieben Projekte, und konzentrieren uns gerne darauf. Ich glaube, liebe Jeannette, du wirst das Leben sehr genießen und du wirst sacken lassen – bis zu deinem nächsten Projekt.

Jeannette: Ich weiß. Ich bewege gerne etwas. Es ist mir wichtig, etwas zur Gesellschaft beizutragen und Menschen zu motivieren oder zu inspirieren. Ich habe mein Projekt Naturform und dafür brenne ich. Da gehe ich auf und die Tiere sind mir so wichtig. Ich bin kein Mensch, der ein 08/15-Leben lebt. Wobei manches Mal würde ich es mir wünschen, dass ich so jemand bin. Denn dann hat man definitiv nicht so viele Sorgen, Gedanken oder diesen innerlichen Drang ständig etwas bewegen zu wollen. Aber momentan entspanne ich mich einfach mal.

Jacky: Man kann seinen eigenen Drang ein wenig zügeln. Nach allem was du schon geschafft hast, wird das deine leichteste Übung werden. Ella und ich finden deinen Weg wunderbar. Wir hoffen, dass du mit deinem Buch vielen Betroffenen Wege zu Mut und den vielen Möglichkeiten der Selbsthilfe aufzeigen kannst. Ich dedanke mich für das Interview und wünsche dir alles Liebe.

Jeannette: Danke. Das wünsche ich dir auch.

Wenn du selbst von Missbrauch betroffen sein solltest, kannst du dich bei Jeannette melden. Sie bietet Coaching für Betroffene an. Jeannette kann dich bei deinen ersten Schritten unterstützen und dir wichtige Anlaufstellen nennen.

Das Buch „Missbrauch“ mit vielen wertvollen Tipps, kannst du über ihre Website bestellen.

Wenn du selbst einen Beitrag zu unserer Kampagne “Von Frau zu Frau” einreichen möchtest oder an einem Interview interessiert bist, kontaktiere uns unter office@vitascen.at.

Wir freuen uns auf deine Geschichte!

3 Gedanken zu „Interview mit der Autorin des Buches “Missbrauch”“

  1. Ich lese das Buch gerade! Es ist wirklich super geschrieben. Und besonders toll finde ich, dass es so unheimlich viel an Wissen und Life Hacks beinhaltet. Also ein richtiges Schatzkästchen für die Selbstliebe und Selbstfürsorge! Jeanette, ich kann Dir zu diesem Buch nur gratulieren. Und Jacky – super Interview! Ihr seid zwei fantastische Frauen! 🥰🌺💞

    1. Vielen Dank, liebe Anka, für diese schönen Worte. Ich denke, dass das Buch vielen betroffenen Frauen eine Stütze ist.
      Das Interview mit Jeannette war wirklich wunderbar. Eine Stunde haben wir geplaudert und uns auf Anhieb verstanden. Aus dem Gespräch
      haben wir das Wichtigste in Form des Interviews verarbeitet. Auch du bist eine fantastische Frau-danke für dein Feedback.

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